Der 31. Mai 1940

Über das Zersprengen eines Tondichters

Genau heute vor 80 Jahren trug sich etwas in unserer Zeit Undenkbares zu:

Die Statue eines allseits geliebten Klaviervirtuosen und Komponisten von Weltrang wurde gesprengt.
Nicht eine kleine Büste in einem Hintergarten, nein, ein erst wenige Jahre altes höchst künstlerisches modernes Denkmal im bedeutendsten Park der Metropole einer Kulturnation – ein Ausdruck größter Wertschätzung für einen Tondichter.

Wie ist es möglich, dass ein Musiker im Herzen seiner eigenen Heimat so geschändet wird?
Man betone: ein Musiker, kein politischer Führer, König oder General, deren Denkmäler bei politischen Wechseln oder Eroberungskriegen oft dran glauben müssen – aber Musik, das ist doch etwas grundsätzlich Positives?



Die Experten haben es längst erraten: Die Rede ist vom berühmten Chopin-Denkmal, an dem seit jeher legendäre Konzerte im Łazienki-Park (zu Deutsch: Bäder-Park) Warschaus stattfinden – der grünen Perle der Hauptstadt einer pulsierenden europäischen Nation. Und Chopin mit all seinen Volksmusikmotiven hat die polnische Tradition in Zeiten der Unterwerfung nach der Teilung in Noten für die Ewigkeit gegossen. 2020 ist vom polnischen Parlament zum Chopin-Jahr ausgerufen worden.

Man könnte jetzt voreilig schließen: Es war eben Krieg. Wir schreiben das Jahr 1940, Polen war geschlagen worden, ein Kollateralschaden deutscher Kriegswut.
Doch weshalb war das Denkmal eines polnischen (nicht mal jüdischen), auch in Nazi-Deutschland sehr wertgeschätzten Klaviergenies die erste im 2. Weltkrieg gezielt zerstörte Statue überhaupt?
Um das zu verstehen ist ein Blick zurück nötig. Weit zurück – noch vor die Zeit der Hitlerdiktatur und Rassenideologie. Denn für das, was zwischen 1933 und 1945 geschah, liegt die Wurzel allen Übels wesentlich tiefer als im Hass einiger durch geschickte Bevölkerungsmanipulation zur Macht gekommener ultrarechter Extremisten. Eine kurze Episode einer Randgruppenherrschaft? Leider nein.

“Der Reichstag steht auf polnischem Boden”

Eine erschreckend radikale Zunahme des Antipolonismus (Polenfeindlichkeit) war spätestens seit Bismarck zu verzeichnen. Nach der Reichseinigung stand antipolnische Propaganda sogar sehr weit oben auf der Agenda – es ging, wie wir es nur allzu gut aus heutiger rechter Hetze kennen, um die Gefahr durch Arbeitsmigranten aus dem Osten, die irrsinnigerweise massenhaft von deutschen Unternehmen angeworben wurden, aufgrund des Mangels arbeitswilliger Deutscher in den Bergwerksregionen. Doch die Agitation gegen die Nachbarn und Zuwanderer blieb nicht nur auf die Ebene der Tagespolitik beschränkt, sie richtete sich gegen alles, was mit Polen und polnischer Kultur zu tun hatte.
Das heutige Reichstagsgebäude steht auf dem Grundstück des polnischen Grafen Athanasius Raczyński (1788-1874), der zu Lebzeiten ein bedeutender Kunstförderer in Berlin war. Nicht zuletzt aus politischen Gründen wurde das Raczyński-Palais, ein öffentlich zugänglicher Ort für die Sammlungen seines Namensgebers 1883 gegen seinen Willen abgerissen und dort das Parlamentsgebäude des Deutschen Reiches errichtet.
In dieser Geburtsstunde des extremen deutschen Nationalismus hatte man schon längst, die nur 20 bis 30 Jahre zurückliegende Polenbegeisterung im Rahmen der romantischen Revolutionen vergessen.


„Unter Blumen eingesenkte Kanonen“

Ab den 1870er Jahren, dem Industrialisierungsboom des frisch gegründeten Reiches, begannen sich die traditionell guten kulturellen Beziehungen zu zersetzen. Fryderyk Chopin (1810-1849) war jedoch schon zu Lebzeiten ein in allen deutschen kulturellen Zentren überproportional häufig gespielter und gern gehörter Komponist der Avantgarde. Die Schumanns (besonders Clara) trugen auf ihren Tourneen dazu wesentlich bei und verstanden dabei die versteckte politische Botschaft mit Sprengkraft von Chopins Musik (Zitat R. Schumann: „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“).
Nach der Wiedererstehung des polnischen Staates und dessen Durchsetzung in Versailles, im Wesentlichen dank des Pianisten und Diplomaten Ignacy Jan Paderewski (1860-1941), entfachte sich der deutsche Polenhass exponentiell und wurde im Reichstag der Weimarer Republik zur Tagesordnung: Schon 1920 (erst Mitte 1919 war der Versailler Vertrag unterzeichnet worden)  gab der Abgeordnete der  DNVP (Deutschnationale Volkspartei) die Maxime heraus, dass von nun an „Todfeindschaft zwischen uns und Polen“ herrschen sollte, bis Polen wesentliche Teile seines Staatsgebiets an Deutschland zurückgäbe.
Dies entsprach nicht der Meinung von Rechtsaußen, sondern einem allgemeinen Konsens durch alle deutschen Schichten und Parteien. Bis dahin galt Chopin dennoch als einer der größten Meister der Geschichte, der in deutschen Lexika und Fachbüchern gefeiert worden ist – auf derselben Ebene wie Mozart, Bach oder Beethoven.

Ein Gegenangriff durch das schärfste Geschütz: Kultur

Außenpolitisch klammerte die Weimarer Republik Polen ein: Mit Verträgen mit Sowjetrussland sah Polen die drohende Katastrophe früh nahen.

Die Lösung Polens: Durch seine hochentwickelte Kultur der Welt ihr Existenzrecht zu zeigen und mit positiven Impulsen gegen die Aggressionen der Nachbarn vorzugehen.

Die Republik Polen war der Sieger der Goldmedaille der Weltausstellung von 1925 in Paris, die eine gesamte neue Stilepoche auslöste: Art Déco. Polen war in der Spitze der modernen Kulturnationen angekommen – nur 6 Jahre nach seiner offiziellen Wiedergründung nach 123 Jahren.
1926 wurde feierlich das Chopin-Denkmal enthüllt (Titelbild), nach jahrelanger Planung, einem Wettbewerb und schließlich einem siegreichen gewagten Entwurf des Bildhauers Wacław Szymanowski (1859-1930).


1927 fand dann der erste internationale Chopin-Klavierwettbewerb in Warschau statt und die ganze Welt war zu Gast in Polen. Die ganze Welt? Nein. Eine einzige Nation boykottierte dieses kulturelle Großereignis dieser Epoche: schändlicherweise der so kulturaffine westliche Nachbar.
Die Verachtung gegenüber Polen war in Deutschland so tief, dass man diesen Wettbewerb schlicht als nicht-existent erklärte und die Presse darüber schwieg. Deutsche Pianisten durften nicht daran teilhaben, weder in der Jury noch als Teilnehmer –  und das viele Jahre vor Hitlers Regierungsantritt zu Zeiten bürgerlicher Herrschaft vor der Weltwirtschaftskrise.

Hitlers Polenfreundlichkeit

Mit Hitlers Machtübernahme und Berufspolenhassern wie Josef Goebbels im Gepäck konnte es nur noch schlimmer werden für die Stellung polnischer Kultur in Deutschland. Goebbels erklärte, dass „die Polnische Nation es nicht wert sei, eine zivilisierte Nation genannt zu werden“
Aber das Gegenteil passierte: Nach anfänglicher Feindschaft wurde von Hitler eine Entspannungspolitik angewiesen, die insbesondere durch massive positive Kulturpropaganda stattfand, an vorderster Front mit der Leitfigur Fryderyk Chopin.
Schon vorher behaupteten deutsche Musikwissenschaftler, dass Chopins Genialität nur durch seine Begeisterung für die deutsche Romantik begründet liege und ihm zum Welterfolg verhalf – ein Komponist der deutschen romantischen Tradition im Sinne der Nazis.Ab 1933 erging es dagegen jüdischstämmigen und modernen Komponisten übel, doch dazu erfahren Sie in weiteren Publikationen von Culture Connects mehr.Die pro-polnische Kulturpropaganda war geradezu aberwitzig und überbordend, spätestens seit dem deutsch-polnischen Nichtangriffsabkommen von 1934 und Nachfolgeverträgen zu Kultur, Wirtschaft und Medien. All das im Sinne der politischen Agenda, Polen als Partner für den Krieg gegen das bolschewistische Russland zu gewinnen. Es wurden unzählige Chopin-Konzerte veranstaltet und Radioübertragungen produziert, Bücher, Filme und Lobeshymnen in allen Leitmedien publiziert.

1935 wurde zum 125. Geburtstag Chopins sogar eine gemeinsame Geburtstagsfeier inszeniert. Die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze war sehr verwundert über diesen Kurs der Nazis.
Doch als die polnische Regierung unnachgiebig auf keine der Avancen der NSDAP-Spitze reagierte, wurde schon im April/Mai 1939 Polen und seine Leitfigur Chopin erneut zum Todfeind erklärt, seine Musik im deutschen Reich verboten und alle polnischen Werke aus den Verlagskatalogen in Deutschland und den angeschlossenen Gebieten gestrichen. Von nun brach das uralte Narrativ der kulturell minderwertigen Polen durch und füllte alle deutschen Medien und Publikationen, im Geheimen wurde der Kriegsbeginn im selben Jahre forciert.

Die Vernichtung eines Nationalhelden



Die Sprengung am 31. Mai 1940, Zerschneidung der Bronzeteile und der Abtransport ins Deutsche Reich zum Einschmelzen des Chopin-Denkmals wurde von höchster Stelle (Hans Frank, Generalgouverneur) angeordnet, um die Auslöschung der polnischen Kultur zu symbolisieren, den Polen ihren Nationalhelden zu nehmen und so ihren Widerstand zu brechen: Der Beginn einer neuen rein deutschen Ära.

Dies blieb keine Einzelaktion. Sämtliche Reproduktionen und Kopien dieses Denkmals in ganz Polen wurden penibel ausfindig gemacht und unwiederbringlich zerstört. Nur weil ein Kopf dieser Kopien in einem Keller versteckt wurde, war die heute sichtbare Rekonstruktion möglich.
Alle polnischen Komponisten wurden verboten, die Publikation ihrer Werke unterbunden, die Künstler radikal verfolgt und jegliche Ausübung polnischer Kultur unter KZ-Strafe gestellt. Wir alle wissen, wie das endete. Bis 1945 wurden sämtliche materiellen Güter polnischer Geschichte und Kultur systematisch zerstört, besonders nachdem die Polen 1944 den größten Aufstand gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg wagten. Das Ziel war die totale Auslöschung alles Polnischen und die Schaffung eines Sklavenvolks für die Herrenrasse. Während des Kriegs versuchten Chopin-Liebhaber diesen krampfhaft zu arisieren, um dessen geliebter Musik wieder lauschen zu dürfen. Dazu bemühte man sich sogar musikwissenschaftlicher Forschung, um auf Gedeih und Verderb die wahren deutschen Wurzeln Chopins zu finden. Mit begrenztem Erfolg – es gibt keine.

Der mühsame Wiederaufbau eines Denkmals und einer Nation

Trotz der unbeschreiblichen Zerstörung Warschaus erfolgte in den Nachkriegsjahren die beachtliche Wiederaufbauleistung unter dem scharfen Auge der sowjetischen Besatzer.
Erst seit Ende der kommunistischen Diktatur erholt sich Polen langsam von den Kulturzerstörungen. Die Narrative der Nazis blieben jedoch im Nachkriegsdeutschland sogar bis heute erhalten, was wir Künstler durch unsere Tätigkeit und die Arbeit von Wissenschaftlern, Historikern, Instituten und Vereinen langsam aber stetig beheben möchten.
Das erst 1958 nach einer zufällig in den Trümmern des Hauses von Wacław Szymanowski gefundenen Kopie rekonstruierte Chopin-Denkmal steht heute wie kein anderes für Kultur und Freiheit in Polen und Europa  –  jedes Jahr werden seit 1959 Abertausende Besucher durch Livekonzerte  erfreut – denn nur durch das Konzerterlebnis lässt sich die polnische Musik und ihre tragische Geschichte weitertragen, über die Vergänglichkeit eines Menschenlebens hinaus.


Roman Alexander Ohem                                                Bremen, der 31.5.2020
Vorsitzender CULTURE CONNECTS e.V.
Konzertveranstalter und freiberuflicher Autor (Musikjournalist)






Quellennachweis:

Reinhard Piechocki: „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“ – Chopins Musik in dunkler Zeit (1933-1945), STACCATO-Verlag, Düsseldorf 2017

Peter Oliver Loew:Wir Unsichtbaren: Geschichte der Polen in Deutschland, C.H.Beck, München 2014

Tadeusz Łopieński: Okruchy brązu. PWN, Warschau 1982

Gerhard Gnauck: Das stärkste Geschütz der Polen, Neue Zürcher Zeitung, Zürich 27.11.2010

Adam Gusowski: www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/raczynski-palais, abgerufen am 28.5.2020