Die Goldenen 20er in Polen

Witamy! Willkommen auf unserer Zeitreise 100 Jahre zurück zum neuen Jahrzehnt.

In einem vielfältigen Programm nehmen wir sie mit durch eine wilde Epoche der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umbrüche, die uns bis heute prägen.

Zu unserem Rahmenkonzert der ‘Szlagier’ (Schlager) und Chansons möchten wir hier eine ausführliche Hintergrundgeschichte erzählen über die junge nach 123 Jahren befreite Polnische Republik und ihr einzigartiges Kulturleben – von der Unterhaltungsmusik bis zum Pianisten von Weltgeltung.

In dieser Zeit entstand viel, viel legendäre Kultur, technische Revolutionen veränderten das alltägliche Leben für immer und die Welt rückte enger zusammen.

Dies spielte sich in den führenden Industrienationen ab, aber was kaum jemand heute weiß, auch in unserem Nachbarland Polen und zwar in einem global bedeutenden Maßstab.

In der Zeit von 1918 bis 1939 genossen die Polen ihre Freiheit in der Luft ( Douglas DC-2 der Staatsfluglinie LOT), zu Wasser (Transatlantikdampfer Batory) und auf der Schiene

Eine junge Republik auf dem Weg nach Oben

Spektakulär ist Polen nach dem 1. Weltkrieg wieder entstanden – ausgerechnet durch das Zusammenwirken eines legendären Pianisten, Ignacy Jan Paderewski, eines brillanten Marschalls, der ursprünglich auf deutsch-österreichischer Seite gekämpft hat und einiger fähiger Politiker. Nach der Unabhängigkeitserklärung am 11. November 1918 war zunächst die Aufgabe zu bewältigen innerhalb kürzester Zeit ein 123 Jahre geteiltes Land aus drei Teilen ehemaliger Imperien zu vereinen, die akute Hungersnot zu bekämpfen und die Zerstörungen des Krieges zu beseitigen. Dies gelang durchaus erfolgreich, wenn auch leider durch die Aufstände gegen die ehemaligen Besatzungsmächte einige Opfer zu beklagen waren.

Bevor die ‘Goldenen 20er einsetzen konnten musste jedoch die Aggression der bolschewistischen Revolution abgewehrt werden: Die entscheidende Schlacht vor Warschau 1920 unter Pilsudski ist heute als ‘Wunder an der Weichsel’ eine Legende.
Mit gesicherten Grenzen konnte der rasante Aufbau der Nation zur Entfaltung kommen.

Es begann ein regelrechter Boom der Technologie, der Architektur und der Kultur.

Die junge Republik wollte der Welt beweisen, dass die polnische Kultur nie verschwunden war.

Polnischer Art-Deco Stil

Der Pavillon der Republik Polen bei der Weltausstellung 1925 in Paris

Schon bei der Weltausstellung 1925 in Paris, der Exposition des Artes Decoratifs, die den Art Deco Stil der Goldenen 20er weltweit definierte, vermochte die Republik Polen zu glänzen: Auf Anhieb gewann der polnische Pavillion in Gestalt einer modernen Kathedrale mit Glasdach und traditonell Tatra-inspirierter Inneneinrichtung die Goldmedaillie und die dort ausgestellten Künstler und Exponate zusätzlich noch Grand Prix Auszeichnungen – eine mehr als gelungene Premiere.

Das gerade seit 7 Jahre in dieser Form existierende Polen war das mit den meisten Preisen bedachte Ausstellerland.

Der polnische Kunstkritiker Jerzy Warchałowski kommentierte: “…dort erst, an den Ufern der Seine erlangten wir [Anm.der Red.: Polen] auch unsere künstlerische Unabhängigkeit”.

Original: “…tam dopiero, nad brzegami Sekwany odzyskaliśmy naszą niepodległość artystyczną”

Damit war Polen in der Elite der Kulturnationen angekommen und von einem Land mit aufgedrängten Besatzerkulturen zum Vorreiter einer neuen Stilepoche: Dem Art-Deco, der bis heute für die 20er Jahre steht, wie wir ihn aus ‘The Great Gatsby’ oder ‘Babylon Berlin’ kennen.

Die Freiheit der Mobilität


Die Eroberung der Lüfte

Polen war als eine der ersten Nationen der Welt in der Luftfahrt involviert.
Die erste, noch private, Luftfahrgesellschaft wurde 1922 gegründet ( Aerolot ) und 1928 wurden alle Unternehmen der Branche in der staatlichen Airline LOT gebündelt.
Neben dem Erwerb deutscher und amerikanischer Flugzeuge wurden in Polen selbst Flugzeuge hergestellt Das Logo der LOT wurde von Tadeusz L. Gronowski erschaffen, welcher einer der bei der Expo 1925 in Paris ausgezeichneten Künstler war. Die Poster der Fluggesellschaft wurden ebenfalls von vielbeachteten Kunstschaffenden gestaltet.


Transatlantischer Luxus

Durch den Zugang zum Meer in Gdynia entstand eine komplett neue hochmoderne Hafenstadt im Bauhaus-Stil.
Zum ambitionierten Vorhaben gehörte eine Transatlantikverbindung mit Passagierdampfern. Zunächst wurden alte Schiffe aus Vorkriegszeit eingesetzt und um 1930 in Italien neue Luxusdampfer bestellt, die ab 1935 und 1936 zum Einsatz kamen: Die Pilsudski und die Batory. Die Ausstattung gehörte zu den fortschrittlichsten der Welt, das Innenleben wurde von namhaften polnischen Künstlern entworfen und es gab exklusive Annehmlichkeiten wie einen Innen-Swimming-Pool. Dies stellte sogar global ein bis dahin unbekanntes Niveau and Exklusivität dar.
Die Gdynia-Ameryka Linie bot mit diesen Luxuslinern eine Verbindung nach New York an.

Mit vollem Dampf voraus

Während das Fliegen oder Fernreisen per Dampfer nur einer erlesenen Schicht vorbehalten war, beliebte sich der Zugverkehr bei den Polen der Zwischenkriegsepoche größter Beliebtheit und wurde zum Symbol des rasanten Aufstieg der befreiten Republik, besonders in der Kultur.

Die zum Großteil zerstörte Infrastruktur wurde schnellstens wieder aufgebaut und neue Zugstrecken schossen wie Pilze aus dem Boden.

Neben den regulären Zügen entwickelte man die hochklassige ‘Luxtorpeda’, Bahnen die in Freizeitgebiete verkehrten (insbesondere ins Gebirge) und aerodynamischen Schnellzüge. Die Dampflok PM36-1 wurde sogar bei der Weltausstellung in Paris mit einem Preis ausgezeichnet. Diese hochmodernen Züge wurden auch im zunehmenden internationalen Expressverkehr eingesetzt, wie dem Nordexpress von Paris durch Zentraleuropa nach Warschau, wo der Umstieg nach Moskau erfolgte.



Dies nahmen Liedtexter wie unsere im Konzert gehörten Andrzej Włast (“Express Warszawa – Władywostok” oder “Przysięgnij mi”) oder Emanuel Schlechter (“Ta co pan buja”) zum Anlass regelrechte Hymnen auf die Bahn zu schreiben, die in den Spitzenrevuehäusern der Republik Premiere fanden und von der berühmten polnischen Plattenfirma ‘Syrena Electro’ veröffentlicht wurden.

Sogar der herausragende Dichter Julian Tuwim widmet mit dem Gedicht “Lokomotywa” der Bahn ein lyrisches Denkmal:

Uch – jak gorąco!

Puff – jak gorąco!

Uff – jak gorąco!

Już ledwo sapie, już ledwo zipie,

A jeszcze palacz węgiel w nią sypie


Julian Tuwim, “Lokomotywa”

Melodien für das ganz Volk …und die Welt!

Die oben genannte Syrena Record war die erste polnische Plattenfirma und eine der Pionierfirmen des Gebiets überhaupt: Der Gründer Feigenbaum war mit dem Erfinder Thomas Alva Edison direkt in Kontakt und importierte dank seiner Hilfe aus den USA die ersten Musikzylinder nach Polen und vertrieb ab 1902 auch Edisons Phonografen, bevor er 1904 auch in den Schallplattenvertrieb.

1908 wurde dank seines frühen Erfolgs die Firma Syrena Records gegründet – ein Name der mit all den Stars der 20er und 30er Jahre in Polen verbunden sein sollte.